Mittwoch, 2. Mai 2018

Interview mit Michaela Schubert


Guten Morgen meine Lieben! Heute melde ich mich zu früher Stunde mit einem ganz besonderen Beitrag. Ihr erinnert euch vielleicht an meine Rezension zu dem Buch "Essstörungen - Was ist das?". Die Autorin dieses Buches, Michaela Schubert, durfte ich interviewen. Ich habe ihr Fragen zu ihrem Buch und ihren Avataren, aber auch zu Essstörungen ganz allgemein stellen können. Das Thema ist ebenso interessant, wie schockierend. 

Du wünschst dir einen offeneren Umfang mit dem Thema Essstörungen in der Gesellschaft, was heisst das konkret, und wie können wir dazu beitragen?
Ein offener Umgang heißt für mich konkret, dass mehr über die Hintergründe von Essstörungen gesprochen wird. Damit meine ich nicht die Debatten über die Schönheits- und Schlankheitsideale. Sondern dass im Vorfeld über mögliche Entstehungsgründe, die daraus resultierenden Folgen und auch über Lösungsstrategien diverser Probleme gesprochen wird. Auch wenn keine Essstörung mit am Tisch sitzt. Fakt ist: Essstörungen sind auf dem Vormarsch und Essstörungen gehen jeden etwas an.

Noch immer scheint das Thema für viele ein großes Tabu zu sein, über das lieber ausgiebig geschwiegen als offensiv gesprochen wird. Im Nachgang ist das Geschrei immer am größten. Aber zuvor will sich kaum einer damit beschäftigen. Die teilweise einseitige und lückenhafte Berichterstattung der Medien begünstigen eine realitätsabweichende Sichtweise. Ziel sollte sein, Essstörungen stets einen Schritt voraus zu sein und nicht, wie aktuell, umgekehrt.

Nicht selten verheimlichen ganze Familien eine solche Erkrankung. Vorurteile tun ihr Übriges dazu. Essstörungen sind nicht nachvollziehbar, denn Essen gehört zum Leben dazu wie das Atmen.
Jeder weiß durch öffentliche Darstellungen und unterschiedlichste Suchtpräventionen, dass u.a. das Rauchen gesundheitsschädlich ist. Essstörungen sind im gleichen Maße gesundheitsschädlich, aber gesprochen wird darüber wenig. Meines Erachtens gehört das Thema genauso in den Unterricht, wie die herkömmliche Suchtprävention, denn Essstörungen gehören zu den stoffungebundenen Süchten.
Ein offener Umgang mit Essstörungen bedarf einerseits großen Mut, denn dahinter verbirgt sich eine riesige Scham. Anderseits ist eine vorurteils- und wertungsfreie Ebene der Gesellschaft notwendig, um die Erkrankung als das zu sehen, was sie ist – eine Gefahr, die schlimmstenfalls zum Tode führt.
Egal was im Leben passiert, Essstörungen sind nie eine Lösung. Ich möchte erreichen, dass sich die Zeit genommen wird, hinter die Kulissen zu schauen und natürlich auch zum Hinterfragen anregen. Warum macht jemand eine Diät? Warum definieren sich viele über einen schlanken Körper? Warum muss immer alles makellos und perfekt erscheinen? Warum darf ich nicht so sein, wie ich bin?
Es kommt hinzu, dass oftmals übereinander- anstatt miteinander geredet wird.


Hast du für deine direkte Art mit dem Thema umzugehen auch schon Kritik erfahren?
Nein, im Gegenteil. Meine bisherigen Erfahrungen sind bis dato positiv. Ich finde es wichtig, die essgestörte Dinge unverblümt beim Namen zu nennen. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen, die ich immer mit einfließen lasse, bekommt meine direkte Art ein anderes Bild. Ich bin authentisch und genau das kommt vor allem in meinen Vorträgen richtig gut an.


Was hat dich dazu bewogen das Buch «Essstörungen – Was ist das?» zu schreiben?
Ich selbst war viele Jahre in dem Strudel der Essstörung gefangen. Von dem her kenne ich viele Facetten, die eine Essstörung ausmachen. In meiner aktiven essgestörten Zeit las ich etliche Biografien über Frauen, die den gleichen Kampf ausfochten wie ich. Auch im späteren Verlauf sog ich sämtliche Medien rund um das Thema förmlich auf. Oftmals war mir das alles zu „lieb“ formuliert und rutschte an meiner essgestörten Realität gänzlich vorbei. Ich suchte nach direkten Fakten, die von persönlichen Erfahrungen untermauert werden.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Essstörungen verlaufen fließend. So war es bei mir. Jedoch empfand ich die medialen Berichterstattungen überwiegend als zu einseitig. Immer nur Magersucht oder Ess-Brech-Sucht oder Essanfallstörung, um bei den 3 großen Formen zu bleiben. Aber was ist, wenn ich von jedem etwas habe?

Angetrieben von meinem eigenen Wunsch alle 3 Essstörungen unter einen Hut zu bekommen, kristallisierte sich zuerst einer ABC-Blogserie heraus. Nachdem ich mit dem Alphabet durch war, konnte ich nicht einfach so aufhören. Da ich schon immer ein richtiges Buch schreiben wollte, nahm ich meine bisherigen Blogartikel nochmal zur Hand und arbeitete diese letztendlich in ein Buch-Manuskript um. Ich hatte und habe nichts zu verlieren.


Wie hast du dich während des Schreibens gefühlt? Gab es auch Dinge, die für dich schwierig waren?
Während des gesamten Schreibens fühlte ich mich gut. Ich liebe das Schreiben, seit ich schreiben kann. Für mich war es eine Reise in meine Vergangenheit der etwas anderen Art. Manche Erinnerungen wühlten mich teilweise ganz schön auf. Aber das schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil, durch das Aufschreiben gelang es mir in meiner hart erarbeiteten Spur zu bleiben. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich mit dem Thema oder gar mit meinen Erlebnissen überfordert bin. Alles in allem war es für mich eine sehr intensive und spannende Zeit, von der ich noch heute profitiere.


Wieso ist es für Betroffene so beängstigend, sich Hilfe zu holen?
Ich kann nicht für alle sprechen. Gründe dafür gibt es viele. Manche Betroffene glauben in erster Linie, sie schaffen es allein aus dem Kreislauf heraus, wenn sie sich ihr Problem mit dem Essen eingestanden haben. Ein Großteil hat zusätzlich extreme Angst, mit ihrer persönlichen Last von Ärzten, Familie etc. nicht ernst genommen zu werden.
Eine Magersucht lässt sich lange kaschieren. Auch eine Bulimie und Essanfallstörung fällt nicht sofort auf. Aber, bei einer Anorexia nervosa wird das Problem irgendwann durch (massives) Untergewicht für andere sichtbar. Jedoch sehen sich Betroffene nicht mit den Augen der anderen, sondern sie empfinden sich (trotz Untergewicht) als zu fett. Deshalb ist oftmals der erste Gedanke: „Es glaubt mir doch eh keiner, dass ich ein Problem mit dem Essen habe.“


Das Umfeld deiner Avatare bekommt nichts mit von den Essstörungen von Rexi, Limi und Eati mit. Für mich ist es gar nicht so leicht, mir vorzustellen, dass einem ein essgestörtes Verhalten nicht auffällt. Wenn das Umfeld nicht reagiert, liegt das daran, dass sie es tatsächlich nicht mitbekommen oder es nicht bemerken wollen?
Wie bei der oberen Frage bereits erwähnt: Eine Magersucht, Bulimie und Essanfallstörung fallen nicht sofort auf. Es gibt für jede kulinarische Gelegenheit und für jede gemeinsame Mahlzeit eine passende Ausrede, um nicht essen zu müssen, um ein Essen vorzutäuschen oder, oder, oder... Das soziale Umfeld bekommt eine Essstörung meist erst dann mit, wenn das Kind sprichwörtlich schon in den Brunnen gefallen ist. D.h. beispielsweise, wenn er/sie bereits sehr viel an Gewicht verloren hat oder ständig Lebensmittel aus dem Vorratsschrank fehlen.
Eine Essstörung wird anfangs wirklich nicht bemerkt. Das ist kein Vorwurf. Natürlich kann ich nicht für jedes Umfeld sprechen. Manche erkennen schon erste Anzeichen, lassen sich aber durch die Erklärungen der betroffenen Person gern täuschen. Keiner vermutet hinter plausiblen Ausreden sofort eine Essstörung. Das wäre auch fatal.

Ich unterstelle keinem, dass die ersten eindeutigen Hinweise mutwillig ignoriert wurden. Ein Großteil weiß doch gar nicht, wie sich diese äußern. In meisten Fällen spielt Hilflosigkeit eine ausschlaggebende Rolle. Aggressionen und Missverständnisse erschweren vor allem für Eltern die schwerwiegende Situation.

Bitte Vorsicht: Ein essgestörtes Verhalten hat nichts mit einer Essstörung zu tun. Nicht jeder der eine Diät (Bsp. für ein essgestörtes Verhalten) macht, rutscht in eine Essstörung. Aber jede Essstörung beginnt mit einer Diät.

Heutzutage sind unterschiedlichste Ernährungsmuster im Trend. Jeder gönnt sich einen anderen Ernährungsstil. Der bewusste Verzicht auf Zucker, Kohlenhydrate, Fleisch etc. grenzt stellenweise an eine Manie. Jedes Alter hat Zugang zu Nahrungsergänzungs- und Diätmitteln. Ein perfekter Nährboden für eine Essstörung.


Rexi gesteht sich erst sehr spät ein, dass sie tatsächlich an Magersucht leidet. Hat sie ihre Sucht nicht bemerkt, also sie glaubt daran, dass an ihrem Verhalten nichts falsch ist oder ist auch das etwas, was man sich nicht eingestehen will?
Keiner entscheidet sich bewusst für eine Essstörung. Betroffene einer Essstörung rutschen ganz langsam in ihre individuelle Sucht hinein. Anfangs bemerkt keiner die Veränderung, auch nicht die betroffene Person. Irgendwann gesteht man sich selbst ein, dass man ein Problem mit dem Essen hat. Das dauert mal länger, mal kürzer. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Auch wenn Betroffene sich über ihre Sucht im Klaren sind, heißt es nicht automatisch, dass sie öffentlich dazu stehen.
Mit der Zeit wird ihnen bewusst, dass ihr Essverhalten nicht gesund ist bzw. nicht „normal“ sein kann, aber sie können es nicht „einfach“ ändern. Das Wissen, dass ihr Essverhalten in die falsche Richtung abdriftet, kann eine Essstörung noch verstärken. Der eigene Druck und unzählige Selbstvorwürfe sind sehr dominant. „Nicht mal das Essen bekomme ich auf die Reihe!“
Essstörungen sind Süchte, in denen nichts einfach mal so nebenbei weg geht.


Worauf muss man besonders achten, wenn man in seinem Umfeld eine Essstörung vermutet?
Essstörungen haben viele Gesichter. Es gibt nicht die eine Ursache und auch nicht die glasklaren Anzeichen, denn das meiste verläuft im Verborgenen. Bei jedem kann sich eine Essstörung anders zeigen und kann anders verlaufen.

Wenn das Umfeld eine Essstörung vermutet, ist die oberste Priorität: Ruhe bewahren! Danach hilft es, sich über die verschiedensten Essstörungen zu informieren und im Anschluss - unter vier Augen - das Gespräch mit der betroffenen Person zu suchen. Bitte nie direkt auf die Vermutung ansprechen: „Hast du Magersucht?“ Eine solche Aussage gleicht einem Schlag ins Gesicht. Die Leugnung der eventuellen Erkrankung liegt auf der Hand.

Deutlich behutsamer ist, in der Ich-Form das Bemerkte anzusprechen: „Ich habe das Gefühl, dass du in letzter Zeit viel an Gewicht verloren hast. Kann ich dir irgendwie helfen?“
Eine Essstörung kann nie mit Essen therapiert werden. Hinter einer Essstörung stecken immer tiefgreifende Schwierigkeiten, die sich lediglich durch das Hungern, (Fr)Essen und Rückgängigmachen zeigen. Mit der Essstörung wird sozusagen versucht, sein schmerzliches Problem zu ver- bzw. zu bearbeiten.

Auch nach einer Therapie sind Essstörungen nicht einfach verschwunden. Deshalb ist es ganz sehr wichtig, dass Betroffene nicht ausschließlich auf ihre Essstörung reduziert werden. Geduld und ein offenes Ohr für vorherrschenden Sorgen können auf den Weg heraushelfen. Fakt ist, Essgestörte sind von etwas abhängig, was uns am Leben erhält und sind somit jeden Tag aufs Neue mit ihrem Suchtmittel konfrontiert.
Miteinander Reden und genau hinhören, ist für Betroffene und deren Angehörige Gold wert. Es geht nicht darum die perfide Essstörung zu verstehen. Es geht in erster Linie darum, den Menschen dahinter ernst zu nehmen.

Wenn ihr mehr über die Autorin, Essstörungen und ihr Buch erfahren wollt, dann schaut auf ihrer Website vorbei. (https://www.happy-kalorie.de/)





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